Futility in der Medizin

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Die Beratung und Begleitung von Patientinnen, Patienten und Angehörigen in Situationen, in denen eine medizinische Behandlung wirkungs- oder aussichtslos sein könnte, ist eine zentrale Aufgabe der Medizin. Oft wird die Thematik mit dem Oberbegriff der medizinischen Futility zusammengefasst. Die SAMW bietet mit Empfehlungen und konkreten Beispielen Orientierung.

Die Einschätzung, ob eine Therapie indiziert ist oder ob sie wirkungs- oder aussichtslos scheint, erfolgt durch medizinische Fachpersonen evidenz- und erfahrungsbasiert. Im Einzelfall ist dieser Prozess aber nie frei von Subjektivität, weil Werturteile der Patientinnen, Patienten, Angehörigen und nicht zuletzt der Fachpersonen mit einfliessen. Die involvierten Berufsgruppen tragen eine besondere fachliche und ethische Verantwortung. Sie können sich zudem genötigt fühlen, Behandlungen durchzuführen, obwohl diese aus ihrer Sicht nicht dem Patientenwohl dienen, beispielsweise weil Erwartungshaltungen respektive Druck von Patientin und Angehörigen bestehen.

 

In mehreren medizin-ethischen Richtlinien der SAMW werden Situationen der Wirkungs- oder Aussichtslosigkeit thematisiert. Ausgehend von diesen Diskussionen, die während der Covid-19-Pandemie noch intensiviert wurden, hat die Zentrale Ethikkommission (ZEK) der SAMW beschlossen, das Thema vertieft zu bearbeiten und dazu eine breit abgestützte Subkommission einzusetzen. Die Ergebnisse dieser Arbeiten wurden in den dreisprachigen Empfehlungen «Wirkungslosigkeit und Aussichtslosigkeit – zum Umgang mit dem Konzept der Futility in der Medizin» (2021) veröffentlicht. 

 

 

Empfehlungen zu Wirkungslosigkeit und Aussichtslosigkeit

Acht Empfehlungen mit konkreten Beispielen

Neben theoretischem Hintergrund, der das Konzept der Futility kritisch betrachtet, enthält die Publikation konkrete Beispiele zur Veranschaulichung. Die SAMW bietet damit Orientierung für die Praxis und hofft, eine bewusste Auseinandersetzung über den Umgang mit Wirkungs- und Aussichtslosigkeit anzuregen. Sie lädt Fachgesellschaften, Pflegeorganisationen und Patientenorganisationen ein, die Diskussion über diese komplexe Thematik aufzunehmen. Von den insgesamt acht Empfehlungen wird hier eine exemplarisch aufgeführt.

 

Empfehlung «Klärung des Behandlungsziels»: Das übergeordnete Ziel der Behandlung muss mit der Patientin bzw. deren Vertretung geklärt werden. Dabei berücksichtigen medizinische Fachpersonen Vorstellungen und Wissensstand der Patientin, tragen ihren Bedürfnissen, Wünschen und Befürchtungen Rechnung und erfragen ihre Präferenzen. Fachpersonen orientieren sich am Behandlungsziel und legen Rechenschaft darüber ab, ob das Vorgehen dem Ziel entspricht. Das Ergebnis ist in geeigneter Form zu dokumentieren.

 

Beispiel: Eine Patientin mit Gebärmutterhalskrebs entwickelt ein obstruktives Nierenversagen, das unbehandelt zum raschen Tod führen kann. Die Patientin möchte die Geburt ihres Enkelkindes in zwei Monaten erleben. Eine Dialyse kann das Leben verlängern, verändert jedoch nichts am zugrunde liegenden Tumorleiden. Sie ermöglicht es jedoch, dass die Patientin die Geburt des Enkelkindes erlebt, und kann daher sinnvoll sein.

 

 

Futility aus verschiedenen Blickwinkeln

Fallbeispiel

In der Rubrik «5 minutes pour apprendre» der Zeitschrift Revue Médicale Suisse wird an einem Fallbeispiel aufgezeigt, wie (drohende) Futility in der Praxis erkannt und vermeiden werden kann. Die acht Empfehlungen aus der SAMW-Publikation werden anhand des Beispiels einer 79-jährigen Patientin Schritt für Schritt reflektiert und konkretisiert. 

 

Futility in der Psychiatrie

Während in der somatischen Medizin der Begriff der therapeutischen Aussichtslosigkeit etabliert ist, wurden Fragen rund um Wirkungslosigkeit und Aussichtslosigkeit in der psychiatrischen Versorgung bislang kaum systematisch reflektiert. Die explizite Adressierung von Nutzen, Belastung und Behandlungszielen sind in der psychiatrisichen Versorgung jedoch genauso zentral. Eine international und interdisziplinär aufgestellte Expertengruppe hat diese Lücke geschlossen und 2026 ein Konsenspapier veröffentlicht. Der Beitrag zeigt auf, dass insbesondere die qualitative Futility – verstanden als Abwägung von Nutzen und Belastungen unter Berücksichtigung der Ziele und Werte der Betroffenen – einen hilfreichen Orientierungsrahmen bietet, zugleich aber klare Prozesse, sorgfältige Kommunikation und ethische Leitlinien entscheidend sind. Der Beitrag wurde als Open-Access-Publikation online veröffentlicht.

 

Psychological Medicine, 56, e16, S. 1–7: Addressing «futility» in psychiatry – a consensus statement (2026)

 

 

KONTAKT

lic. theol., Dipl.-Biol. Sibylle Ackermann
Leiterin Ressort Ethik
Tel. +41 31 306 92 73